Ein Außenlager in Jena. Es war kaum etwas darüber bekannt, als ich mit Freunden vor einiger Zeit auf das Thema stieß. Wir waren schon verwundert, dass es auch in unserem Städtchen ein Lager mit Zwangsarbeitern gab. Wir wussten schon lange vom Konzentrationslager in Buchenwald. Waren selbst schon oft dort gewesen. Es war weit weg.
Doch plötzlich rückte die Geschichte in unmittelbare Nähe. Wir interessierten uns, wie die meisten Jungs eben so sind, für alles, was mit den beiden Weltkriegen zu tun hat. Dieses Thema faszinierte uns also auf Grund der geschichtlichen, wie geografischen Nähe.
Im Jahr 2004 machten wir das Außenlager zum Thema unserer Facharbeit. Wir waren in Archiven und versuchten alles mögliche über das Lager heraus zu finden. Auch wenn wir eine gut fünfzig Seitige Arbeit ablieferten, im Nachhinein betrachtet wissen wir kaum etwas über das Lager.
Da das Thema in keinem uns bekanntem Buch bisher behandelt wurde, beziehen wir uns ausschließlich auf Archivmaterial, also Primärquellen. Das klingt im ersten Moment vielleicht ganz interessant, aber auch Primärquellen sind kritisch zu begutachten.
Alle uns vorliegenden Zeitzeugenberichte sind zwischen 1972 und 1975 entstanden. Leider geht aus ihnen nicht hervor, aus welchem Grund und durch welche Person, bzw. Institutionen sie angefertigt wurden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass alle Berichte an das „Kreiskomitee der antifaschistischen Kämpfer“ gingen.
Für uns stellten sich also die folgenden Fragen: Wer hat alles eine Aussage gemacht? An wen gingen die Berichte und zu welchem Zweck wurden sie niedergeschrieben? Gab es also ein bestimmtes Ziel, dass mit den Berichten erreicht werden sollte? Wem dienten diese Aussagen und wem hätten sie vielleicht geschadet? Von wem wurden sie in Auftrag gegeben?
Ich kann bis hierher nur Vermutungen anstellen, denn die Quellenlage ist sehr dünn. Was aber klar zu sagen ist: Alle Berichte stammen von Häftlingen, die im Lager eine besondere Funktion inne hatten. Wie zum Beispiel der Leiter des Reviers (Krankenbaracke), oder der Häftlingskapo. Letzterer stellte in seiner Aussage fest, dass alle einflußreichen Personen im Lager Kommunisten waren und meist für die KPD gearbeitet hatten.
Es ist zu vermuten, dass die Zeitzeugenbefragung mit propagandistischem Hintergrund entstand. Um den kommunistischen Widerstandskampf zu preisen. Darum ist es auch gar nicht so unwahrscheinlich, dass in den Berichten, Tatsachen, verschönert, verschlimmert, verdreht und vielleicht sogar weggelassen wurden sind. Somit beinhalten auch Primärquellen ein gewisses Potential an Unwahrheiten und können nicht als ein alleiniges Zeugnis der unverfälschten Wahrheit dienen.
Das die Befragungen weniger der Wahrheit, als der kommunistischen Ideologie dienten, ist also anzunehmen. Auch, dass es vergessen wurde, passt ins ideologische Bild. Wenn auch erst auf dem zweiten Blick. Warum die Geschichte nur so mangelhaft aufgearbeitet wurde? Warum die Geschichte eines faschistischen Arbeitslagers in der antifaschistischen DDR nur skizziert aber nie niedergeschrieben wurde? Weil das Außenlager am Reichsbahnausbesserungswerk in Jena nicht in das antifaschistische Bild gepasst hat. In diesem Lager starben die Zwangsarbeiter nicht zu Tausenden, nicht einmal zu Hunderten. Es waren drei. Zwei durch Krankheit und einer durch den Strang. Vielleicht hatte die ANTIFA Angst davor, dass sich die Menschen die Frage stellen: vielleicht waren die Nazis ja doch nicht so schlimm, oder zumindest nicht alle. Schließlich haben hier doch so viele überlebt.
Ist das die Antwort? Kann das der Grund sein? Vielleicht. Doch dann war es eine schlechte Überlegung. Denn das Außenlager in Jena ist soviel anders als zum Beispiel das Konzentrationslager in Buchenwald. Das Außenlager wurde von einer bunten Mischung bewacht. Von Kroaten, Österreichern und sogar von Männern der Luftwaffe. Auf Grund des Kriegsverlaufs wurden immer wieder Wehrtaugliche durch Wehruntaugliche von der Front in der Wachmannschaft ersetzt. Die Wachmannschaft wird von den Zwangsarbeitern als meist friedlich und sogar human bezeichnet. Es sind hier nicht die sadistischen Wachtruppen, wie in den Konzentrationslagern. Vielleicht war das aber auch ein Grund mehr, die Geschichte nicht sonderlich aufzuarbeiten.
Darum auch der Titel: Das Vergessene Außenlager in Jena. Denn nichts erinnert an die Menschen, die hier rechtlos gefangen gehalten und zur Arbeit gezwungen wurden. Kein Stein, kein Tafel. Nicht einmal ein paar Sätze in einem Buch. Darum möchte ich weiter forschen und nach hacken. Hier sollen alle Ergebnisse erscheinen. Vielleicht weiß der eine oder andere noch etwas, das mir bei meinen Recherchen weiterhelfen kann. Ich freue mich über jeden Hinweis.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen